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Keine Zeit und kein Bio - vom Alltag Alleinerziehender

In einer deutschen Großstadt wie München wird inzwischen nicht mehr jede dritte Ehe geschieden, sondern jede zweieinhalbte Ehe mit Kindern hält dem stetigen Druck – aus voller Berufstätigkeit beider Eltern, Zeitmangel und ständiger Hetze – nicht mehr stand. “Alleinerziehend zu sein, ist ein großes Armutsrisiko”, sagte Ministerin Giffey der Süddeutschen Zeitung. Es gehe dabei um jede fünfte Familie in Deutschland, “in den allermeisten Fällen sind Frauen betroffen”. 273 Euro gibt es für ältere Kinder, 205 Euro für die mittleren und 154 für die Kleinsten. Die Betroffenen, zu 90 Prozent Mütter, scheinen das Geld wirklich dringend zu brauchen. Anders lässt sich der Ansturm nach der Reform im Jahr 2017 auf die Ämter nicht erklären: Schon sechs Wochen nach Inkrafttreten war die Zahl der Bezieher auf fast 520 000 in die Höhe geschnellt.

Mit wohlmeinenden Bekenntnissen Wohlsituierter,  wie “Alleinerziehende sind für mich die wahren Helden” lässt sich jedoch für Kinder keine gesunde Ernährung, keine sogenannte “Quality-Time” und auch keine wohlige Atmosphäre am abendlichem Familientisch (mit Selbstgekochtem, schon gar Bio), herbeizaubern. Legt man 4 oder 5 Grundnahrungsmittel und 4 – 5 Gemüse- und Obstsorten auf das Laufband im Bio-Markt, stehen auf dem Display an der Kasse Beträge, bei denen ein Alleinerziehender betet, dass die Kreditkarte nicht stundenlang sich tot stellt, bevor die Kassenkaft mit dem Ausdruck des Bedauerns sie wieder herauszieht und die rotwerdende Mutter/Vater streng befragt: “Haben Sie nicht noch eine andere EC-Karte?!“. In der Zwischenzeit vibriert nicht nur die Kreditkarte vor Verlegenheit und verweigert ihren Dienst, es hebt auch ein Murren in der Warteschlange an, während der Alleinerziehende seine Kinder zu bändigen versucht.

Zum Zeitmangel kommt der Geldmangel und zum Geldmangel die Scham, das Bedauern und der Schmerz über das, was man seinen eigenen Kindern nicht bieten kann oder es ihnen mit einer Begründung versagen muss, die den anderen, nicht anwesenden Elternteil nicht schlecht aussehen lässt, aber auch die eigene Leistung nicht herunterspielt, denn auch das bezahlt man bitterlich bei seinen Nachkommen, wenn nicht gleich, dann später. Schliesslich meistert ein solcher “wahrer Held” weit mehr als nur eine volle Berufstätigkeit und einen vollen Haushalt mit Kindern. Wenn der Alleinerziehende mit seinen Kindern dem Ausgang des Supermarktes zustrebt, kommt er an zerfledderten Magazinen vorbei, die zuvörderst das hohe Lied von Celebreties feiernt, die noch nie den Preis von einem Liter Milch sagen konnten, um dann an den Politmagazinen mit Schlagzeilen konfrontiert zu werden, die im Alleinerziehenden-Universums keinerlei Relevanz haben und stolpert schliesslich über das allgegenwärtige Lebensmittelverschwendungsthema mit den unglaublichen Zahlen, die von jemandem, der gerade seine finanzielle Reputation vor aller Augen zerschossen bekommen hat, nur noch als zynisch empfunden werden können.

Foodcaring ist deshalb soviel mehr als nur Bio-Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren (wer weiß schon, was ein Bio-Lebensmittel lieber hätte – in der Tonne zu verrotten oder gegessen und verdaut zu werden?) foodcaring gibt ein Stück Lebensqualität und ein Stück Freiheit denen zurück, die es am dringendsten brauchen. Wir können die Welt nicht verändern, wir können auch die Lebensbedingungen in einer Großstadt wie München nicht an ihrem neuralgischen Punkt – den hohen Mieten, den auseinanderdriftenden Familien, dem Druck – nicht in ihrem familienunzuträglichen Kern verändern, aber wir können den Überfluss, den diese Gesellschaft auch produziert, dort abfangen, wo er entsteht. Zu einem Zeitpunkt, an dem der Überfluss noch nicht in einen Zustand übergangen ist, wo er für niemanden mehr einen Wert hat. Dafür braucht man nicht mehr als ein paar Enthusiasten, die die Lebensmittel dort auffangen, wo das System sie hinausbefördert und dorthin umleiten, wo sie nicht verbrannt, sondern einen merkbaren geldwerten Vorteil auf den Speiseplan einer Alleinerziehenden zugeführt werden. Den geldwerten Vorteil, den sie nicht zusätzlich zu einem übervollen Pensum in einem Zweit- oder Drittjob mehr leisten muss.